#OBWahl14 in Oldenburg: die vergeigte Social Media-Kampagne

Als Parteiloser hat man ja nicht oft die Ehre, Mitglied eines Wahlkampfteams zu sein. Wenn aber mit Marion Rieken eine ebenso parteilose Kandidatin mit guten Absichten für die Grünen bei einer Oberbürgermeisterwahl antritt, ist man nahezu aufgefordert, mit anzupacken. So kam es, dass ich in den letzten knapp fünf Monaten als Social Media-Berater ein bisschen Wahlkampfflair schnuppern durfte. Die Chancen waren gar nicht so mies. Oldenburg ist zwar eine konservative Stadt mit SPD-Dominanz, aber trotzdem auch so etwas wie eine grüne Hochburg. Dennoch gab es gestern mit dem Nichterreichen der Stichwahl eine klare Niederlage. Berücksichtigt man, dass das CDU(-nahe)-Lager gespalten ist und de facto mit zwei Kandidaten antrat, wiegt die Niederlage im Kampf um Platz zwei umso schwerer. Das war kein Zufall, hinter diesem Ergebnis stecken Fehler, auch meine Fehler.

Der größte Fehler war der Geburtsfehler: Für den Wahlkampf wurde eine Konzeption erarbeitet, die sich auf Print konzentrierte. Somit musste letztlich eine Schablone für gedruckte Medien auf Netz-Medien angewandt werden. Ein Experiment, das von Anfang an zum brutalstmöglichen Scheitern verurteilt war.
Der Medienwandel lässt sich nicht mehr zurückdrehen, auch wenn man es sich hier und dort vielleicht ganz gerne wünscht. Statt mit einer Portion Borniertheit eine Wahlkampfkonzeption so zu erstellen, als wären wir in den späten 1990er Jahren, als man das Internet noch als lästiges Beiwerk betrachten konnte, hätte man Chancen, die sich mit neuen Medien ergeben, mutig aufgreifen können. Wohlgemerkt, schon beim Konzept, nicht erst als Flickschusterei im Nachhinein.

Der zweite Fehler war die fehlende Social Media-Kompetenz der Kandidatin. Oder doch eher (Achtung, Selbstkritik!) die fehlende Hartnäckigkeit ihrer Social Media-Berater? Dieser Wahlkampf hat mich um eine Erfahrung reicher gemacht: Der Protagonist selbst, hier also die OB-Kandidatin, muss höchstpersönlich Social Media-Luft atmen. Das heißt nicht, dass sie selbst die Kampagne durchführen muss. So wie sie beispielsweise an Infoständen teilnimmt, hätte sie mit einem eigenen Facebook-Account auch beim Verwalten der Facebook-Seite beteiligt sein müssen. Natürlich nicht 24/7, aber regelmäßig. Das Social Media-Team hätte mit der Kandidatin frühzeitig ein intensives Coaching durchführen müssen. So war es im Ursprung auch vorgesehen. Terminschwierigkeiten im Mai und auch meine fehlende Hartnäckigkeit waren für diese Nachlässigkeiten verantwortlich. Dadurch kamen wir vor allem gegenüber Christoph Baak (CDU-Kandidat) auf der Social Media-Ebene in einen Rückstand, den wir nicht mehr aufholen konnten. Aufgrund schlechter Binnenkommunikation waren wir in vielen Fällen handlungsunfähig. So konnten wir auf viele Diskussionsbeiträge und Fragen von Facebook-Usern nicht eingehen. Das hat uns Stimmen gekostet und Chancen verbaut.

Der dritte Fehler war die Gewichtung der Wahlkampfmittel und da wären wir wieder beim „Geburtsfehler“. Während in einen missglückten Imagefilm mit Kurzfassung für das Kino, eine etwas aufgeblähte Wahlkampfzeitung und eine leicht peinliche Homestory auf „Brigitte“-Niveau sicherlich einige Gelder flossen, stand für eine effektive Onlinewerbung gerade mal eine Handvoll Euro auf Taschengeldniveau zur Verfügung. Auch etwas, was ich mir selbst ankreide, denn wir hätten im Sinne der Sache mehr fordern und umsetzen müssen. Überrascht hat mich, dass die relevanten Mitbewerber erkennbar schon zu einem frühen Zeitpunkt viel Geld in das kostenpflichtige Facebook-Marketing investierten. Da war es schon sehr früh nicht mehr möglich, Schritt zu halten.

Neben einigen Lerneffekten verbuche ich diesen Wahlkampf trotzdem als positives Erlebnis. Wir hatten bei dieser Wahl die beste Kandidatin mit dem weitaus besten Programm. Mein Respekt vor Parteileuten, die sich im Wahlkampf ehrenamtlich den Allerwertesten aufgerissen haben, ist enorm gestiegen. Schön zu beobachten war auch, dass über Parteigrenzen hinweg kollegial und fair zusammengearbeitet wurde. Die Oldenburger Linke war offizielle Unterstützerin der Kandidatur. Umso erstaunter war ich, als ich beim Lokalsender Oeins einen Funktionär der Oldenburger Grünen kurz nach Bekanntgabe des Endergebnisses mutmaßen hörte, dass die Unterstützung durch die Linken wohl eher kontraproduktiv gewesen sein könnte. Nun ja, ein bisschen Drecksau sein gehört wohl auch schon zum lokalpolitischen Geschäft. Not my business.

Update (30.09., 13:30): Um Missverständnisse zu vermeiden, die Homepage (marion-rieken.de) war sowohl inhaltlich als auch technisch vorbildlich – eine ganz starke Leistung vornehmlich von Thorsten! Aber auch die beste Website in diesem Wahlkampf deckt den gesamten Online-Auftritt einer Kandidatin nicht vollumfänglich ab, wenn die Inhalte nicht erfolgreich über Social Media-Kanäle transportiert und diskutiert werden.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für die zur Verfügungstellung der interessanten (Selbst-) Erkenntnisse aus dem Oldenburger OB Wahlkampf.

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