Der Petitionen-Tsunami: Warum wir abrüsten müssen

Campact

Na, über wie viele Online-Petitionen seid ihr heute schon gestolpert? Ob gegen Lanz, gegen Sommerzeit oder für Hebammen, irgendwas ist ja immer und es ist ja so schön einfach geworden.

Mussten Aktivisten früher noch ins Wendland fahren, um sich kurz vor Gorleben von den Gleisen tragen zu lassen, ist man heute bereits via Browser dabei. Ja, die One Click-Demonstrationen haben Hochkonjunktur. Es ist nicht mehr nur eine Welle, ein wahrhafter Petitionen-Tsunami rollt über uns hinweg, ob wir wollen oder nicht. Zerstörungen bleiben nicht aus, nur zerstört er sich in erster Linie selbst. Genauer: Die mal mehr, mal weniger guten Absichten der Petitionen gehen in diesem Massenaktionismus unter. Das eigentlich scharfe „Instrument Petition“ wird immer stumpfer, je inflationärer es eingesetzt wird.

Petitionen als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit sind dabei eigentlich genial. Wenn das Thema „zündet“ oder die Petitionenersteller gut vernetzt sind, funktioniert die virale Verbreitung mit medialer Kettenreaktion bis hin zur 20 Uhr-Tagesschau. Mit bescheidenen Mitteln wird so optimale PR realisiert. Campact, die wohl bekannteste deutsche Aktions- und Kampagnenplattform, platziert so regelmäßig politische Themen in den Fokus der Öffentlichkeit. Hier arbeiten hauptamtliche Campaigner, die das Petitonenhandwerk verstehen und – in überschaubarer Anzahl – redaktionell durchdachte Aktionen starten.

Ein anderes Modell verfolgt unter anderem Change.org als offene Plattform. Jeder kann hier Petitionen starten. Das ist auf der einen Seite gelebte Basisdemokratie, auf der anderen Seite ein Verursacher von Massenpetitionen. Im Bundestagswahlkampf 2013 habe ich gefühlt hunderte Petitionen für einen Regierungswechsel wahrgenommen, real waren es vielleicht sogar tausende. Jeder wollte mal eben schnell sein eigenes Süppchen kochen. Der Effekt: Nicht einer dieser Aktionen gelang die mediale Wahrnehmung, weil jede einzelne im Schnitt gerade mal eine zweistellige Unterstützeranzahl erreichte. Die politische Absicht wurde also aus dreierlei Hinsicht konterkariert: Viele Petitionen zum selben Thema verhinderten, dass eine Petition mit erkennbarer Wirkung entstehen konnte. Jede einzelne Petition vermittelte den Eindruck, dass nur eine Handvoll Leute diese Position vertreten. Die potentiellen Unterzeichner wurden quantitativ überfordert.

Letzterer Aspekt führt bei mir zu einer zunehmenden Allergie gegen Petitionen. Ich fange an, selbst gut gemachte Online-Petitionen bestenfalls zu ignorieren, in der Regel als lästig zu empfinden. Es ist die Masse an Schrott-Petitionen, der man nur schwer ausweichen kann, wenn man politisch interessiert ist. Dabei rutschen dann auch gute Aktionen durch. Es sind auch nicht einmal alle Bürgerpetitionen nutzlos. Die Petition gegen die Telekom-Drosselung hat Wirkung gezeigt. Bei laut Eigenwerbung von Change.org 50 Millionen Aktiven wird es auch nicht schwer fallen, weitere Positiv-Beispiele herauszufiltern. Gemessen am Gersamtaufkommen wird man sie jedoch wie Nadeln im Heuhaufen suchen müssen.

Dass es über Petitionen eine Möglichkeit gibt, am demokratischen Willensbildungsprozess teilzunehmen, ist großartig. Effektiv bleiben sie aber nur, wenn Qualität vor Quantität geht und da sind Zweifel angebracht. Die Gefahr einer Überreizung ist groß.

2 Kommentare

  1. Sehr treffend beschrieben und vor ca. 2 Jahren hatte ich allerdings selbst die Erfahrung gemacht, dass man zwar sehr schnell „Unterstützer“ in Form von „Klicks“ oder „Online-Petitions-Unterzeichner“ bekommt – man aber ganz schnell alleine da steht, wenn man genau diese Anzahl an Personen oder nur einen Bruchteil davon mobilisieren muss/soll. Es ging damals um eine Vereinsgeschichte und einer Aktion zu einer Mitgliederversammlung… Erinnert mich alles auch immer ein bisschen an: http://ct.fra.bz/ol/fz/sw/i53/5/7/26/frabz-So-Youre-Telling-Me-People-from-your-country-think-that-Facebook-f79472.jpg 😉

    • Ganz normal, wenn ich bei jedem Klick – sei es ein „Like“ oder eine Petitionsunterzeichnung – unmittelbar echtes Engagement beisteuern würde, müsste ich das wahrscheinlich Jahr für Jahr bei hunderten Aktionen machen. Das macht aber jeder nur in Einzelfällen, wenn ein ganz besonderer Antrieb vorhanden ist oder die emotionale Ansprache zündet. Was dann funktioniert und was nicht funktioniert ist nicht immer rational nachvollziehbar.

      OT: Marc, hast Du bei Dir die Paywall eingeführt oder renovierst Du? 😉

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