Journalismus: Allheilmittel Crowdfinanzierung?

Romantik, ausdrücklich nicht als Schimpfwort gemeint, ist mir nicht ganz fremd und darum mag ich Crowdfunding. Umso schöner ist der Gedanke einer Crowd-Finanzierung und Beteiligung, wenn ein faires Geschäftsmodell entsteht und dadurch der gute Zweck ermöglicht oder etwas Institutionelles wie der Online-Journalismus am Leben erhalten wird. Der Hype um Crowdfunding hat jetzt schon einige Jahre auf den Buckel und mag für Internet-Verhältnisse (die Uhr tickt hier ja etwas schneller) schon gar keiner mehr sein. In Wirklichkeit ist er aber noch so jung, dass zumindest für den Journalismus noch nicht der Beweis einer langfristigen Strategie angetreten wurde. Eine, die auch ein paar Jahre hält. Kein Zweifel, das einzelne Event, hier mal eine Film- sogar Kinoproduktion (u.a. auch via Crowdinvesting), dort mal eine Auslandsreportage, konnte auf diese Weise prima finanziert werden, als Bonus war stets die Portion Aufmerksamkeit inklusive. So weit, so gewöhnlich. Einmal das Portemonnaie für den guten Zweck zu öffnen, tut auch nur einmal ganz kurz weh. Ob man aber auch Langzeit-Förderer werden möchte, überlegt man sich dann schon etwas gründlicher, zumal die Konkurrenz an förderwürdigen Medien-Projekten groß ist.

Krautreporter: Bezahlt die Crowd auch das zweite Jahr?

Dass die Krautreporter über Crowdfunding für ein ganzes Jahr eine Vorabfinanzierung erreichen konnten, ist ein echter Meilenstein, aber kein Beweis einer langfristigen Finanzierung. Hier ging es nur um eine Einmalfinanzierung – ohne weitere Verbindlichkeit. Nach der Anfangseuphorie durch die auf der Zielgeraden zustande gekommene Finanzierung setzt allmählich die Katerstimmung ein. “Der Online-Journalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin.” So lautete der markige Slogan, mit dem im Sommer 2014 für das Projekt geworben wurde. Eine Mischung aus Augenzwinkern und Marketing, die man eben braucht, um Medienaufmerksamkeit zu generieren, gleichzeitig aber auch eine hohe Messlatte. Es scheint so, als ob die Krautreporter aus der Sicht einiger Mitglieder da nicht ran kommen. Fehlende Qualität und Quantität werden kritisiert. Tatsächlich ist von außen betrachtet die ganz große Innovation – abgesehen von der Crowdbeteiligung – kaum zu erkennen. Im Moment ist es etwas fraglich, ob die Crowd ab Herbst auch in ein zweites Krautreporter-Jahr einsteigt.

“Der Sender” will sich über Crowdfunding und Genossenschaftsanteile finanzieren

Nicht als selbsternannter Journalismusretter und somit wesentlich unaufgeregter tritt seit gestern Der Sender in Erscheinung. Hinter dieser Idee vermute ich nicht nur reichlich Substanz, weil mit Philip Banse einer meiner Lieblingspodcaster (Küchen-/Medienradio) als Mitinitiator dahinter steht. Spätestens seit meiner ehemaligen Mitarbeit bei einer Energiegenossenschaft, die die lokalen Energienetze betreiben wollte, bin ich Fan von Genossenschaften. Eine Genossenschaft ist komplizierter als Crowdfunding, jedoch auch formal demokratischer mit stärkerer Bindung und Mitbestimmung der Mitglieder. Der Sender will nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne um Genossenschaftsmitglieder werben. Per Crowdfunding sollen Infrastruktur und ein Jahr Sendebetrieb finanziert werden. Wie dann die Mittel verwendet werden, die über Genossenschaftsanteile generiert werden sollen, wird sicherlich demnächst erklärt. Für noch wichtiger halte ich ein Konzept für eine langfristige Finanzierung.

Exakt bei der Langfristigkeit erkenne ich bei all diesen Projekten kein vollendetes Konzept. Beim “Sender”, der gerade mal vor ein paar Stunden angekündigt wurde, mag es sich noch entwickeln. Hoffentlich. Crowdfunding-Erlöse und Genossenschaftsanteile sind wunderbare Mittel für eine Anschubfinanzierung. Ich glaube aber nicht, dass man einfach nur damit auch eine dauerhafte Finanzierung auf die Beine stellen kann, wenn es nicht permanent eine stets vor dem Absaufen befindliche Charity-Veranstaltung sein soll. Ohne langfristige Finanzierungsmodelle sind es oft nur Projekte auf Zeit, die irgendwann ganz eingestampft oder auf ein Minimum geschrumpft weiter betrieben werden.
Freiwilliges Bezahlen, also de facto Spenden, worauf reine Crowdfunding-Modelle fußen, setzt Begeisterung beim Publikum, sowohl beim reinen Konsumenten als auch bei den Prosumenten, voraus. Die aufrecht zu erhalten ist auch bei hoher Qualität nicht einfach.

Täglich Mettmann: Hyperlokales Blog mit Bezahlschranke

Ist also die einzige Alternative ein Zwangsbeitrag? Ein interessantes Modell, das auch wirtschaftlich funktionieren könnte, findet man nicht in einer der bekannten Medienhochburgen, sondern in der tiefen Provinz. Mit Täglich Mettmann ging vor einigen Wochen ein hyperlokales Blog mit scharfer Bezahlschranke online. Bis jetzt nicht ohne Erfolg, wie die Macher kürzlich beim Was mit Medien-Podcast (direkter MP3-Link) berichteten. Bei dieser Schranke finde ich die geringe Hürde, die bei einem Euro beginnt, hoch akzeptabel. Ich kann die inhaltliche Qualität von Täglich Mettmann nicht beurteilen, gehe aber davon aus, dass sie höher ist als bei manchen lokalen Gratis-Medien, die sich im Wesentlichen darauf beschränken, Pressemitteilungen weitgehend unredigiert zu übernehmen.

Meine Meinung habe ich grundsätzlich nicht geändert, Bezahlschranken finde ich suboptimal. Gleichzeitig kommt mir aber zunehmend der Glaube an kontinuierlicher Journalismus-Finanzierung im Netz jenseits der Schranken abhanden. Schlau fände ich, mehrere Finanzierungsmodelle gleichzeitig zu testen. Für guten Journalismus sollte man nicht nur um einen Beitrag höflich bitten, man sollte ihn verlangen. Möglichst sozial ausgewogen.

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  1. Pingback: Blogwatch 02/2015: Beschimpfungsgenerator & Kritik an Krautreportern

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