Die Paywall rückt näher, die Chance für alternativen Journalismus auch?

Die Zukunft und damit die Finanzierung des Journalismus ist nahezu weltweit ein Dauerbrenner-Thema und das Zeitungssterben findet vielerorts schon statt. Manche Regionen in Deutschland verfügen schon heute über keinen Lokaljournalismus mehr. Vergleichsweise sind wir da in Oldenburg noch in einer komfortablen Situation. Wir Konsumenten haben uns in den letzten Jahrzehnten ebenso komfortabel mit unserem Jammern über die mangelnde Vielfalt eingerichtet. (Vorspulen zu den Chancen)

Wenn Marketingsprech bemüht wird, geht es fast immer um die Kohle. „NWZonline geht den nächsten Schritt“ lautet die smarte Headline, hinter der sich die simple Botschaft verbirgt, dass die NWZ demnächst eine Paywall einführt. In Kurzform: Wer online künftig mehr als zehn Artikel im Monat lesen möchte, muss bezahlen. Es mutet etwas seltsam an, dass auch Abonnenten der Printausgabe, für die das Online-Angebot in der jetzigen Form inhaltlich so gut wie keinen Mehrwert darstellt, nochmal extra zur Kasse gebeten werden sollen.

Ist die Paywall alternativlos und sinnvoll?

Mal an dieser Stelle die alte Diskussion um die inhaltliche Qualität ausgeklammert: Dass sich auch ein regionales Medienunternehmen, dem es wirtschaftlich noch recht gut geht, über Bezahloptionen für Online-Inhalte Gedanken macht, ist nachvollziehbar und existenziell notwendig. So wie wir es heute kennen, wird das Geschäftsmodell „gedruckte Tageszeitung“ auf Dauer nicht überleben, auch nicht im Nordwesten. Paywalls sehe ich aber prinzipiell skeptisch. Die Errichtung eines Schutzwalls um etwas herum ist ein Mittel aus dem analogen Leben und bedeutet Abgrenzung: Wenn ich nicht will, dass jeder Hinz und Kunz mein Grundstück betritt oder sehen kann, lass ich die Hecke hoch wachsen. Ein Medienhaus sollte aber genau das entgegengesetzte Ziel verfolgen. Selbst wenn man mangels weiterer Ideen die Paywall für alternativlos hält, kann es nicht zukunftsweisend sein, wenn sich jedes Blatt im deutschsprachigen Netzraum sein eigenes System bastelt. Zweifelsohne darf Journalismus und die dahinter stehende Infrastruktur nicht kostenlos sein. Ihn quasi wegzusperren kann aber im 21. Jahrhundert auch nicht mehr die Lösung sein. Auch nicht wirtschaftlich, denn es wird immer Alternativen geben, die einen freien Zugang zu Informationen anbieten und dabei auf kreativem Wege Einnahmequellen generieren. Vielleicht auch in Oldenburg?

OldenburgCrowd? NWZ-Paywall eine echte Chance für Alternativen

Es ist ja nicht so, dass es keine journalistischen Alternativen gibt. Viele konnten aber nur kurz überleben, egal ob sie analog „Posaune“ und „Oldenburger Allgemeine“ oder digital „Oldenburger Lokalteil“ hießen. Tapfer über Wasser hält sich nach wie vor die Oldenburger Onlinezeitung und den Diabolo als wöchentliches Blättchen (online katastrophal – sorry!) gibt es auch noch.

Über seinen Abschied vom Oldenburger Lokalteil vor gut einem Jahr (womit sich zugleich auch das ganze Magazin verabschiedete) schrieb damals Maik Nolte in seinem Blog:

„Auf der Ebene allerdings, auf der der Lokalteil bislang agierte, von der er auch nie herunterkam und die zuletzt auch noch arg aus der Balance geraten war, ist das nicht zu bewerkstelligen. Was mich betrifft, hat die mit der Herausgabe dieses Magazins betriebene Selbstausbeutung schon vor geraumer Zeit jedes vertretbare Maß weit hinter sich gelassen.“

Mit der „Selbstausbeutung“ liefert Maik aus meiner Sicht das wichtige Stichwort, denn viele journalistische Alternativen zu den jeweiligen Platzhirschen basieren genau darauf. Das ist auch kein Oldenburg-spezifisches Phänomen, wobei man auch überspitzt betrachtet Selbstausbeutung direkt Ausbeutung nennen könnte. Zu oft konsumieren viele Leser der kleinen journalistischen Plattformen einfach nur gratis (ggf. auch noch mit scharf geschaltetem Adblocker) während sie sich zu selten Gedanken über die wirtschaftlichen Bedingungen eben dieser Plattformen machen. Auf der anderen Seite ist es ein Fehler, wenn es klamme Online-Magazine versäumen, sich mit einem klaren Geschäftsmodell an die Leser zu wenden, um konkrete Beteiligung, die über einen Münzeinwurf in die Kaffeekasse hinausgehen, einzufordern. Wie das funktionieren kann, demonstriert seit einiger Zeit im Süden der Republik das Heddesheimblog mit dem „Soli-Abo“.

Ihr lieben Nörglerinnen und Nörgler, Engagierte, politischen Köpfe, Medieninteressierte, konstruktive Medien-Kritikerinnen und Kritiker in Oldenburg, die Zeit ist reif, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen, um so etwas wie Krautreporter auf lokaler Ebene aufzubauen. Nicht mit altem Konkurrenzdenken, indem jeder sein eigenes Süppchen kocht, jedoch kein einzelnes dieser vielen Süppchen lange warm bleiben kann. Nur die große gemeinsame Suppe mit kräftiger Beilage kann jenseits von Ausbeutung und Selbstausbeutung langfristig als mediale Alternative in Oldenburg bestehen. Funktionieren kann es mit einer Mischung aus Crowdfunding und redaktionellem Crowdsourcing (das Stichwort Prosument würde hier auch passen). Um es auf den wirtschaftlichen Teil zu begrenzen: Der bescheidene Anfang wäre gemacht, wenn gerade mal jeder 160. Oldenburger im Monat fünf Euro für ein Abo in eine neue Plattform investieren würde. Ihr lieben Skeptikerinnen und Skeptiker: Es hätte auch einen gewissen Wert, den Beweis anzutreten, dass das in Oldenburg nicht geht. Oder anders: Ich wette jetzt mal, dass das nicht geht. Wer hält dagegen?

Social Media-Wahlkampf: Jürgen Krogmann versus Christoph Baak

Was mit Medien haben beide schon einmal gemacht. Die Grundlagen für Medienarbeit bringen die Stichwahl-Kandidaten für das Oldenburger Oberbürgermeisteramt Jürgen Krogmann (SPD) und Christoph Baak (CDU-nominiert) also mit. Aber wie sieht es mit deren Social Media-Arbeit im Wahlkampf aus?

Während sich die SPD im letzten OB-Wahlkampf 2006 noch „stark im Aufwind“ sah, soll es in diesem Jahr „Das neue Miteinander“ richten. Die Bedeutung dahinter werden wohl auch viele gestandene Sozialdemokraten nicht klar definieren können. Dafür klingt der Slogan gewohnt „SPDig“ wie so ein zäher Brei aus „Die neue Mitte“ und „Das Wir entscheidet“.
Neigt man allgemein dazu, bei Facebook per Du und auf der Website per Sie zu kommunizieren, geht Ex-Pressesprecher Krogmann kurioserweise den umgekehrten Weg. „Gehen Sie zur Wahl. Sie entscheiden!“, fordert „Ihr Jürgen Krogmann“ auf seiner Facebook-Seite. Zeitgleich säuselt „euer Jürgen Krogmann“ auf seiner Website: „Ich habe mich vom Tage der Nominierung bis heute von euch getragen gefühlt.“ Weiterlesen

#OBWahl14 in Oldenburg: die vergeigte Social Media-Kampagne

Als Parteiloser hat man ja nicht oft die Ehre, Mitglied eines Wahlkampfteams zu sein. Wenn aber mit Marion Rieken eine ebenso parteilose Kandidatin mit guten Absichten für die Grünen bei einer Oberbürgermeisterwahl antritt, ist man nahezu aufgefordert, mit anzupacken. So kam es, dass ich in den letzten knapp fünf Monaten als Social Media-Berater ein bisschen Wahlkampfflair schnuppern durfte. Die Chancen waren gar nicht so mies. Oldenburg ist zwar eine konservative Stadt mit SPD-Dominanz, aber trotzdem auch so etwas wie eine grüne Hochburg. Dennoch gab es gestern mit dem Nichterreichen der Stichwahl eine klare Niederlage. Berücksichtigt man, dass das CDU(-nahe)-Lager gespalten ist und de facto mit zwei Kandidaten antrat, wiegt die Niederlage im Kampf um Platz zwei umso schwerer. Das war kein Zufall, hinter diesem Ergebnis stecken Fehler, auch meine Fehler.

Der größte Fehler war der Geburtsfehler: Für den Wahlkampf wurde eine Konzeption erarbeitet, die sich auf Print konzentrierte. Somit musste letztlich eine Schablone für gedruckte Medien auf Netz-Medien angewandt werden. Ein Experiment, das von Anfang an zum brutalstmöglichen Scheitern verurteilt war.
Der Medienwandel lässt sich nicht mehr zurückdrehen, auch wenn man es sich hier und dort vielleicht ganz gerne wünscht. Statt mit einer Portion Borniertheit eine Wahlkampfkonzeption so zu erstellen, als wären wir in den späten 1990er Jahren, als man das Internet noch als lästiges Beiwerk betrachten konnte, hätte man Chancen, die sich mit neuen Medien ergeben, mutig aufgreifen können. Wohlgemerkt, schon beim Konzept, nicht erst als Flickschusterei im Nachhinein.

Der zweite Fehler war die fehlende Social Media-Kompetenz der Kandidatin. Oder doch eher (Achtung, Selbstkritik!) die fehlende Hartnäckigkeit ihrer Social Media-Berater? Dieser Wahlkampf hat mich um eine Erfahrung reicher gemacht: Der Protagonist selbst, hier also die OB-Kandidatin, muss höchstpersönlich Social Media-Luft atmen. Das heißt nicht, dass sie selbst die Kampagne durchführen muss. So wie sie beispielsweise an Infoständen teilnimmt, hätte sie mit einem eigenen Facebook-Account auch beim Verwalten der Facebook-Seite beteiligt sein müssen. Natürlich nicht 24/7, aber regelmäßig. Das Social Media-Team hätte mit der Kandidatin frühzeitig ein intensives Coaching durchführen müssen. So war es im Ursprung auch vorgesehen. Terminschwierigkeiten im Mai und auch meine fehlende Hartnäckigkeit waren für diese Nachlässigkeiten verantwortlich. Dadurch kamen wir vor allem gegenüber Christoph Baak (CDU-Kandidat) auf der Social Media-Ebene in einen Rückstand, den wir nicht mehr aufholen konnten. Aufgrund schlechter Binnenkommunikation waren wir in vielen Fällen handlungsunfähig. So konnten wir auf viele Diskussionsbeiträge und Fragen von Facebook-Usern nicht eingehen. Das hat uns Stimmen gekostet und Chancen verbaut.

Der dritte Fehler war die Gewichtung der Wahlkampfmittel und da wären wir wieder beim „Geburtsfehler“. Während in einen missglückten Imagefilm mit Kurzfassung für das Kino, eine etwas aufgeblähte Wahlkampfzeitung und eine leicht peinliche Homestory auf „Brigitte“-Niveau sicherlich einige Gelder flossen, stand für eine effektive Onlinewerbung gerade mal eine Handvoll Euro auf Taschengeldniveau zur Verfügung. Auch etwas, was ich mir selbst ankreide, denn wir hätten im Sinne der Sache mehr fordern und umsetzen müssen. Überrascht hat mich, dass die relevanten Mitbewerber erkennbar schon zu einem frühen Zeitpunkt viel Geld in das kostenpflichtige Facebook-Marketing investierten. Da war es schon sehr früh nicht mehr möglich, Schritt zu halten.

Neben einigen Lerneffekten verbuche ich diesen Wahlkampf trotzdem als positives Erlebnis. Wir hatten bei dieser Wahl die beste Kandidatin mit dem weitaus besten Programm. Mein Respekt vor Parteileuten, die sich im Wahlkampf ehrenamtlich den Allerwertesten aufgerissen haben, ist enorm gestiegen. Schön zu beobachten war auch, dass über Parteigrenzen hinweg kollegial und fair zusammengearbeitet wurde. Die Oldenburger Linke war offizielle Unterstützerin der Kandidatur. Umso erstaunter war ich, als ich beim Lokalsender Oeins einen Funktionär der Oldenburger Grünen kurz nach Bekanntgabe des Endergebnisses mutmaßen hörte, dass die Unterstützung durch die Linken wohl eher kontraproduktiv gewesen sein könnte. Nun ja, ein bisschen Drecksau sein gehört wohl auch schon zum lokalpolitischen Geschäft. Not my business.

Update (30.09., 13:30): Um Missverständnisse zu vermeiden, die Homepage (marion-rieken.de) war sowohl inhaltlich als auch technisch vorbildlich – eine ganz starke Leistung vornehmlich von Thorsten! Aber auch die beste Website in diesem Wahlkampf deckt den gesamten Online-Auftritt einer Kandidatin nicht vollumfänglich ab, wenn die Inhalte nicht erfolgreich über Social Media-Kanäle transportiert und diskutiert werden.

Wie rechtsradikale Social Media-Grafiken funktionieren

Es gibt Bekannte und Freunde aus früheren Zeiten, die ich heute bei Facebook anhand ihrer Sprüche nicht wiedererkenne. So tauchte heute diese Grafik in meiner Timeline auf. Wenn es zum Beispiel um Fußball geht, störe ich mich schon lange nicht mehr an – vorübergehenden – schwarz-rot-goldenen Fahnen. Wer es als Fansymbol unbedingt braucht…

Im Kontext dieser Grafik jedoch stehen die Farben – anders als beim Fußball – für Nationalismus und somit für Ausgrenzung. Darüber hinaus gibt es ein nahezu festgelegtes Muster für rechte Social Media-Grafiken: Zuerst werden (vermeintliche) soziale Missstände angesprochen. Damit es reißerisch rüber kommt, ist fast immer von Kindern die Rede, die angeblich hungern müssten. Meistens fällt dann noch die Betonung auf „deutsche Kinder“. Sind sie mit den Kleinen fertig, widmen sie sich den ganz Alten, die „schlecht behandelt“ würden. Besonders perfide ist an dieser Grafik der Hinweis „auch diejenigen, die im Krieg den Arsch hingehalten haben“, schließlich kann man sich an zwei Fingern ausrechnen, welcher Krieg hier nur gemeint sein kann. Sobald sie mit den sozialen Missständen durch sind, kommt die auch von gewissen Parteien vertretene „Weltsozialamt“-Rhetorik zum Zuge. „Milliarden“ würde Deutschland bzw. Frau Merkel für andere Länder ausgeben, ohne zuerst an das „eigene Volk zu denken“.
Die Realität, nämlich dass gerade Deutschland an der Finanz- und Eurokrise durch günstige Zinsen unterm Strich Milliarden verdient, wird selbstverständlich ausgeblendet. Wohl auch, weil die Zielgruppe für etwas komplexere wirtschaftliche Zusammenhänge sowieso nicht empfänglich ist.

Damit es auch ordentlich viral abgeht, werden solche Sprüche zum Schluss gerne als „die (einzige) Wahrheit“ zusammengefasst und betont, dass man sehr mutig sein müsse, um sie zu vertreten. „Wetten, dass 99 % von euch sich nicht trauen, diese Nachricht zu teilen“ reicht dann schon, schlichten Gemütern zu erklären, was sie zu tun haben.

Es war schon immer eine beliebte Methode von Rechtsradikalen, Deutsche als Opfer zu stilisieren und es ist traurig zu sehen, wer alles diesen Rattenfängern auf den Leim geht. Mein Facebook-Freund hat zwei Stunden später eine Nelson Mandela-Grafik gepostet. Dazu der schöne Text:

Nelson Mandela hat uns gezeigt, dass ein Mensch die Welt verändern kann. Gemeinsam, Mensch für Mensch, können wir seinen Traum verwirklichen und für Gleichberechtigung sorgen. Jeder Mensch soll die Chance haben, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität oder Geburtsort, seinen Traum verwirklichen zu können. (ursprünglich von der Neven Subotic Stiftung auf Facebook gepostet)

Das macht das Posten der ersten Grafik noch unverständlicher. Vielleicht war es ja nur Gedankenlosigkeit.

Der Petitionen-Tsunami: Warum wir abrüsten müssen

Campact

Na, über wie viele Online-Petitionen seid ihr heute schon gestolpert? Ob gegen Lanz, gegen Sommerzeit oder für Hebammen, irgendwas ist ja immer und es ist ja so schön einfach geworden.

Mussten Aktivisten früher noch ins Wendland fahren, um sich kurz vor Gorleben von den Gleisen tragen zu lassen, ist man heute bereits via Browser dabei. Ja, die One Click-Demonstrationen haben Hochkonjunktur. Es ist nicht mehr nur eine Welle, ein wahrhafter Petitionen-Tsunami rollt über uns hinweg, ob wir wollen oder nicht. Zerstörungen bleiben nicht aus, nur zerstört er sich in erster Linie selbst. Genauer: Die mal mehr, mal weniger guten Absichten der Petitionen gehen in diesem Massenaktionismus unter. Das eigentlich scharfe „Instrument Petition“ wird immer stumpfer, je inflationärer es eingesetzt wird. Weiterlesen